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Was war, was ist, was sein wird (Auszug)

von Monika Grill

Lisa kennt die Zeichen. Sie liest die Spuren der unausweichlichen Metamorphose wie andere die Fährten eines Fuchses im Schnee. Der Winkel der Schultern verschiebt sich, die Backenknochen treten hervor und geben die darunterliegende Landschaft preis. Es ist nicht die Vergangenheit, die sich zeigt, sondern die Zukunft. Was sein wird, bald.

Gestern Abend hat sie ihn im Gang gesehen, der von der Küche in den Garten führt. Er ist unter der flackernden Glühbirne gestanden. Sie war dabei, die letzten Tassen aus der Spülmaschine zu räumen und hörte die schlurfenden Schritte seiner Hausschuhe. Sie lehnte sich um die Ecke und wollte ihm zurufen: „Schau, ob die Terrassentür abgesperrt ist!“

Er stand da, wie verloren für die Welt, und starrte durch die halboffene Türe hinaus in die Dämmerung. „He, wach auf!“, wollte sie lachend rufen.

Aber etwas an der angespannten Reglosigkeit seines Rückens unter dem rot-schwarz karierten Flanellhemd versperrte ihr den Mund. Eine feuchte Hand legte sich um ihr Herz und drückte es einmal, zweimal zusammen. Sanft. Deutlich. „Gib acht“, pochte das Herz. „Schau. Hin. Genau.“

Und Lisa schaute hin, genau, und wusste, dass Werner bald ein anderer sein würde. Zu oft hat sie dieses Nach-innen-gerichtet-Sein bei ihren Hunden gesehen, um seine Bedeutung ignorieren zu können. Etwas endet. Etwas beginnt. Und nichts, nichts kann es aufhalten.

Es ist nicht das Fell, das an der Schnauze weiß wird. Es sind nicht die Beine, die sich in immer langsamer werdenden Bewegungen voranschieben. Es sind nicht die Augen, die milchig werden, oder die langen Nachmittagsschläfchen.

Werners Rücken tut seit einem Jahr weh. Er muss beim Autofahren eine Brille tragen. Das Haar an seinen Schläfen ist grau, sein Penis liegt schon seit Jahren eingebettet in Weiß. Das Lieben ist ruhiger, langsamer, tiefer geworden. Achtsamer. Das Begehren überfällt sie nicht mehr, sondern pocht mit Zurückhaltung an die Türe und bittet um Einlass.

All das hat bereits stattgefunden und ihr Herz mit einer sich vertiefenden Zärtlichkeit erfüllt.

Aber jetzt hat sie Angst. Denn es ist nicht mehr der älter werdende Werner, den sie spürt, sondern der alte Mann, der langsam und unfehlbar seinen Platz einnimmt. Er dehnt sich aus, und er wird den auslöschen, in den sie sich vor fünfzehn Jahren verliebt hat.

Es wird ihre Aufgabe sein, ihre Herausforderung, diesen, der sein wird, zu lieben wie den, der war. Gebeugte Schultern, der schwächelnde Griff seiner Hände, weißes schütteres Haar – all das wäre ihr noch möglich zu lieben. Aber das Räuspern vor jedem Wort, die in die Ferne schweifenden Blicke, das In-sich-Zurückziehen, das sie ausschließt und sich dabei nichts denkt…

Er bemüht sich, die Rituale des Zusammenseins aufrechtzuerhalten. Er spricht vertraute Worte, legt seine Hand in einer familiären Geste auf ihren Oberarm und fragt: „Was brauchst du aus der Stadt?“ Sie lacht ihn an, so wie immer.

Reis. Obst. Karotten. Vielleicht kannst du die Schuhe abholen. Die sollten fertig sein. Und hol noch einen extra Liter Milch.“

Lisa beobachtet sich, ihr Lächeln, den liebevollen Ton ihrer Sprache. Sie spürt die Hand, die sich vom Herzen zum Rücken bewegt und langsam die Wirbelsäule hinauf zum Nacken kriecht. Sie fröstelt.

Werner hat vor drei Wochen seine Kiste mit den alten Fotos aus dem Kasten geholt. Er hat ihr Porzellanservice beiseitegeschoben und die Bilder in vier Stößen auf die Kommode gelegt. Immer wieder geht er wie beiläufig vorbei, zieht mit gerunzelter Stirne eines der Fotos heraus und beschließt nach langem Nachdenken, es auf einen Platz unter die anderen zu schieben, die er bereits in der Form eines sich ausbreitenden Kreuzes aufgelegt hat. Als wären die Fotos Tarotkarten, in denen er seine Zukunft lesen könnte. Als ob das, was gewesen ist, uns für das, was sein wird, vorbereiten könnte.

Lisa schüttelt den Kopf und schweigt. Sie weiß, dass es nicht die Vergangenheit ist, die uns bestimmt, sondern die Zukunft. Das Hier und Jetzt liegt im Sog eines Schiffes, das uns hinter sich herzieht wie die braungebrannten Körper der Wasserschifahrer auf dem sommerlichen See…

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