Die Schlagzeile

von Dagmar Cechak

Der Portier winkt aufgeregt aus seiner Loge. Er will Markus, bevor dieser hinauf in sein Büro fährt, mit dem neuesten Hausklatsch versorgen. Als Markus sich dem Glaskasten nähert, klingelt das Telefon und der grauhaarige Türhüter muss abheben. Markus dreht wieder um und steigt in den Lift. So wichtig wird es wohl nicht sein.

Oben im dritten Stock sieht er Müller mit einem Kollegen. Beide schütteln vielsagend die Köpfe und, gerade als Markus sich dazu gesellen will, um zu erfahren, was es denn Interessantes zu bereden gibt, kommt der Polizeipräsident den Gang herunter und beginnt mit Müller ein lautstarkes Gespräch über das letzte Treffen im Golfclub. Markus dreht noch rechtzeitig ab, um den polternden Tiraden über Handicaps und Eisen zu entgehen und betritt sein Büro. Aufatmend setzt er sich in seinen Ledersessel und fährt den Rechner hoch. Ein Blick in den elektronischen Kalender zeigt, heute steht nicht viel auf der Tagesordnung, die Teambesprechung ist erst um zwölf Uhr dreißig. Ein guter Vorwand, das Mittagessen zu Hause zu schwänzen. Lena kocht zwar wieder einmal sein Leibgericht und wird sicher Punkt zwölf alles fertig haben, aber – er weiß selbst nicht so genau, was es ist – manchmal kann er diesen perfekten, geordneten Haushalt, in dem alles auf seine Bedürfnisse ausgerichtet ist, von den Filzpatschen neben der Haustür bis zum Gläschen Rotwein beim Fernsehsessel, einfach nicht mehr ertragen.

Drei Stunden hat er Zeit. Da könnte er sich doch noch bei „Love Refresh“ einloggen und nachsehen, ob für ihn neue interessante „Vorschläge“ bereitliegen. Wilde Mädchen hat er gerne, die sich leicht über Regeln hinwegsetzen, die ihn mitreißen, in einen spannenden Strudel aus Glück, Scham und rasender Leidenschaft. Wie eine Droge ist das. Ein kurzer Rausch und vorbei. Und ganz ohne Nebenwirkungen noch dazu!

Lesezeichen anklicken – Passwort eingeben – Halt! vorher noch kurz die Schlagzeilen checken, man muss ja auf dem Laufenden sein. Die geschmackvoll gestaltete Seite von „Love Refresh“ baut sich auf, während er die Headlines auf der rechten Randleiste des Bildschirms überfliegt.

Seitensprung-Agentur ….Datenbank geknackt…

Hochrangige Persönlichkeiten…darunter Polizeibeamte…

teilweise mit dienstlicher .gv E-Mail Adresse eingeloggt…Skandal…

Seine Hand erwischt das Stromkabel des Computers, reißt es aus der roten Dose, die immer Strom gibt, sogar bei Stromausfall. Der Datenfluss soll immer gewährleistet sein.

AUS!

Das Telefon klingelt, Lena schaltet den Herd ab und eilt ins Vorzimmer. Als sie den Hörer nimmt, ist am anderen Ende nur Stille. Beunruhigt legt sie auf. Mit einem Mal ist ihr klar, dass irgendetwas geschehen sein muss. Ob sie Markus anrufen soll? Womöglich hat er wieder eine seiner Besprechungen, dann wäre er wohl wenig erfreut, sie zu hören. Seit er in die obere Etage der Polizeidirektion befördert worden ist, hat er wenig Zeit für private Telefonate. Und was hätte sie ihm denn sagen können? Sie geht zurück in die Küche, die gefüllten Paprika sind gleich fertig, es duftet herrlich. Sie hebt den Deckel, diesmal hat sie auch extra viel Tomatensauce gemacht, genauso, wie Markus es gerne hat. Eine halbe Stunde noch. Dann sollte er da sein.

Da hört sie den Schlüssel im Schloss.

„Du bist früh, Schatz!“

„Ist das ein Problem?“ Seine Stimme klingt genervt. „Um halb eins ist eine dringende Teamsitzung.“

Er dreht ihr den Rücken zu, geht ins Bad. Im Spiegel sieht er die feinen Schweißperlen auf seiner Stirn. Es war ein Fehler gewesen, nach Hause zu kommen, er weiß es, aber im Büro hatte er es einfach nicht mehr ausgehalten. Er hört die Teller klappern, Lena beeilt sich, das Essen auf den Tisch zu bringen. In fünf Minuten ist alles bereit. Sie sitzen sich gegenüber, sie kann nicht anders, sie muss ihn anstarren. Hat er denn gar nicht bemerkt, dass Sie extra nach seinen Wünschen gekocht hat, obwohl er genau weiß, dass sie diese gefüllten Paprika nach dem Rezept seiner Mutter überhaupt nicht mag. Soviel Reis wie da drin ist! Das kann doch die beste Tomatensauce nicht mehr wettmachen. Aber sie weiß, er liebt es so. Markus isst gedankenverloren. Steht auf und nimmt seinen Mantel. Kein Wort haben sie gewechselt. Wenigstens „Danke“ hätte er sagen können, oder „Gut war’s…“ oder „Nett von dir“… oder irgendetwas.

Sie räumt das Geschirr ab, im Radio hört sie die neuesten Meldungen.

„Seitensprung -Agentur… Polizeibeamte …“

Ob er deshalb die dringende Teamsitzung hat?

Als er das Haus verlässt, eigentlich war es fast eine Flucht gewesen, er hatte Lena nicht in die Augen schauen können, erreicht ihn eine SMS.

Teamsitzung auf Grund neuer Erkenntnisse auf 16h verschoben.

Unmittelbar danach klingelt es, unterdrückte Nummer. Er hebt ab. „Hallo, schöner Mann“, hört er eine erfrischend fröhliche Stimme sagen. „Wie sieht es aus, hast du Tagesfreizeit? Ich hätte überraschend gerade ein Stündchen frei und solche Lust auf dich!“

Markus bleibt wie angewurzelt stehen und hört sich zu seiner eigenen Verblüffung mit froher Stimme sagen: „Das kommt mir wie gerufen, Süße, in zehn Minuten beim letzten Treffpunkt?“

„Okaaay“ tönt es aus dem Hörer.

Er sperrt den Wagen auf und fährt los. In seinem Kopf toben Stimmen. „Bist du verrückt?“, „Jetzt ist eh schon egal!“ „Wieso machst du das?“

Er wird pünktlich um vier bei der Teambesprechung sein.

Um halb vier betritt Markus das Gebäude der Polizeidirektion wieder und ist zum ersten Mal in seinem Leben froh, dass die Portierloge gerade nicht besetzt ist. Schnell geht er zum Lift und, obwohl er sieht, dass Müller eben zur Tür hereinkommt, drückt er den Knopf in der Kabine und atmet auf, als sich die Lifttüre gerade noch rechtzeitig schließt. Die Fahrt in den dritten Stock dauert kürzer als sonst, keine Zeit, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Keine Zeit mehr, ins Büro zu verschwinden, die Tür zum Konferenzraum steht bereits weit auf.

„Meine Herren, ich darf Sie bitten, die Zeit drängt, das Thema ist brisant, wie Sie alle wissen“, tönt der Polizeichef.

Markus fühlt, wie rote Hitze in seine Ohren steigt.

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