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Schau mein Innerstes ohne Messer an

von Miriam Auer

Das Meer zu Gast auf der Straße. Siehst du? Carl-Regen Apfelbarth zeigt auf die Schlangenhaut am Asphalt. So oft überfahren, ähnelt sie eher einem Hering, seinen Resten. Regens Sohn kniet sich hin und berührt, anfänglich mechanisch, die fremde Haut, irgendwo zwischen Fisch und Schlange. Bald fragen seine Augen irgendwie traurig, sein Mund wortlos, nach Erklärungen. Die kann der Regen ihm nicht geben. Der Mann fühlt sich kleiner als das Kind. Jemand fährt an ihnen vorbei. Worauf, worin, womit erkennen die beiden nicht. Sie hören ihre Ratlosigkeit ganz laut, ohne etwas zu sagen. Das kleine Warum? fragt sich scharf in den Kopf des Kindes, ganz wie es das große bei Regen, dem Vater, tut. So gibt man sich hier die Kante. Offene Fragen werden in einen hineingedrängt, mit Holzhammerlieblichkeit.

In der Wohnung auf der Wiese in der Stadt, umflossen vom Wasser der Boa, sollte das Leben für sie ein besseres werden. Aber diese Boa würgt sie nicht zum ersten Mal, die Ahnungslosen.

Man geht nach Hause, findet nichts Natürliches mehr auf dem Weg. Der Regen, der Carl-Regen, er legt sein Kind schlafen. Er selbst muss sich betrinken. Dann lässt er die Gedanken frei – und sie laufen wie hartes Wasser durch alte Hähne. Umgedrehte Hälse zwingen dich, dein Buchgefühl bunt anzuschauen. Man kann sich sonst auf wenig verlassen. Carl-Regen. Ein Schauer:

Vatergedanken in Trunkenheit, von mir zu dir. Hier seinen Mann zu stehen, ist hart. Mein Kind, ich muss dir vieles erzählen, auch wenn du es nicht verstehst. Trinken und dichten, wie gut, dass du schon schläfst. Also bitte, merk dir das:

Niemals rot angezogen ins Schmetterlingshaus, mich aus Gedanken herausgedacht, schauen zwei Fingerkuppen in Glaskörper und machen mich blinder. Menschenaufkommen im Betonwinter, wer bist du wer sind wir wohin kann man denn überhaupt noch, ich fehle am Selbstporträt, schöner ist es: so als Stillleben.

Die bessere Hand rasiert meinen Kopf, ich weiß, was viele denken werden, aber auch die kann ich aus meinen Gedanken herausschälen, bleiben Kopf und Nüsse, niemals nackt in die Öffentlichkeit.

Wie im Albtraum zerbricht die Herzblume, Nietzsche in der Leere, Hunger in Hülle und Fülle, wo sind wir ganz unverdient, ich dränge mich dazwischen, schreibe Nachrichten mit fremdem Lippenstift: Oft etwas mit allein Stehender.

Die Seltsamkeit der Balance filtert und filtert, gegen den Strom, wo wir nicht sind, kann Kaffee nach Lachs schmecken, niemand wird es merken. Vielleicht wäre es gut, was auch immer.

Man verkleidet sich nicht gerne als Unmensch. In Schuhen so hoch wie Erwartungen.

Die Haarlosigkeit meines Kopfes beruht auf der intimsten Rasur meines bisherigen Lebens. Jetzt bin ich fertig. Wie im Film schütten sie Erde auf die Kamera im Grab. Camera Obscura. Alles läuft verkehrt. Da, Schwärze. Nicht existierende Bernsteinzimmermänner. Das alles im Achteltraum. Betrunken von Vierteln gehe ich, geht alles, schief. Man hofft, nur in einem Albtraum zu leben. Und doch ist es wieder einfach nur eine Nacht. Ich muss mich aus ihr herausdenken. Auch heraus aus meinem viel zu lange nicht frisch bezogenen Bett. Ohne mich sind meine Gedanken besser dran. Und sowieso: Niemand kann das Meer trinken, die Kinderlosigkeit, die Lava. Seltsam vermenschlicht: das Heute, der Schatten.

Mensch. Licht. Schreiben und schreiben lassen, keine Beiträge über die Anschläge, wo so ein Saitenanschlag allmählich doch zu Liedern führt, zerrissene Blätter, aufgeschlagene Wimperntierchen, du bist doch kein Mörser, Freiheit und Blattlaus, zu weit weg, zu klein, um sie leben zu sehen …

Keine nüchternen Worte zu finden. Weil ich nicht mehr suchen will. Doch auch, wenn ich ein Aufschneider bin: Bitte schau mein Innerstes ohne Messer an!

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