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Geflimmertes Getuscheltier

von Maria Alraune Hoppe

Wieder einmal saß die Runde beisammen. Es war ja Donnerstag. Als sie ihre erste Tarock-Runde beendet hatten, brauchten sie eine Pause. Die Hände freibekommen für ein Pfeifchen rechts und ein Bierglas links. Und den Mund dazwischen freibekommen für die Pflege ihres geflimmerten Getuscheltieres.

Dieses geflimmerte Getuscheltier war eines Abends entstanden, als jene Frau hereinkam. Alles an ihr glitzerte, insbesondere ihre katzengrünen Augen. Sie erschien und alles hörte auf zu atmen. So eine hatten sie hier noch nie gesehen.

Die Frau bemerkte die Atemlosigkeit, nützte diese Stille aus um gleich wieder zu verschwinden, denn solange alles atemlos war, konnte ihr nichts geschehen, das wusste sie mit ihren 75 Jahren inzwischen. Zu viel hatte sie von der Welt gesehen, zu viel gesehen hatte man sie in dieser Welt – und sie meistens verkannt.

Als sich die Tür hinter ihr schloss, war es auf einmal da, als hätte sie es dagelassen: das geflimmerte Getuscheltier. An einer Ecke sprengte es seine punktförmig winzige Hülle, streckte ein kleines Saugrüsselchen heraus und begann jedes Wort im Raum aufzusaugen und mit Genuss einzuschlürfen. Da die Worte nicht alle mundgerecht vor seinem Rüsselchen landeten, begann es diesen zu verlängern, um wirklich jedes Wort aufzuschnappen. Und es wurden immer mehr der Worte über diese glitzernde, katzenäugige Dame – war es überhaupt eine Dame oder so eine???

Je mehr Worte in den Raum kamen, umso schneller wuchs das Getuscheltier. Geflimmert wurde es durch die wild hin und her schwirrenden, nun beinahe johlenden Lachsalven und wiehernden Übertrumpfungen der sich gegenseitig anheizenden Wortbeiträge an den Raum, in welchen sie allerdings nicht lange gestellt waren, weil das Getuscheltier sie sofort in sich aufnahm. So konnte auch keiner sich mehr erinnern, was er oder sie vor drei Sekunden gesagt hatte, weil ja alle Worte vom Getuscheltier hinweggesaugt wurden.

Mittlerweile wurde dieses Getuscheltier so groß, dass es den Raum ausfüllte. Die Gäste des Lokals fühlten sich dadurch plötzlich beengt, schnappten nach Luft und verstummten nach und nach alle.

Das Getuscheltier flimmerte sich hinaus und hinterließ ihnen das große Loch, welches sie mit ihrem bereits zehnten Bier zu füllen versuchten.

Die Pflege des geflimmerten Getuscheltieres wurde mittlerweile zum Volkssport. Das Füllen des großen Loches auch.

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