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Am Fuße des Dobratsch

von Franz Supersberger

Am Fuße des Dobratsch (Auszug)

Der Heimatort ist für uns etwas Selbstverständliches, man wächst in sein Aussehen und seine Unzulänglichkeiten hinein. Sein größtes Geschenk besteht darin, dass man sich in ihm geborgen, verstanden und geliebt fühlt. Verlässt einer den Heimatort kommt er manchmal zu einem Lokalaugenschein zurück, verteilt gute Ratschläge oder bedauert verschiedene Ereignisse, um dann wieder abzureisen. Jeder sehnt sich nach einem Ort, wo er daheim sein kann. Die Heimat sollte man sich nicht kaufen wollen, nur leihen, dann wird man sie nicht verlieren. Es steht einem frei, sich mehrere Orte als Heimatorte auszuwählen, sodass man nicht heimatlos ist, wenn man einen Ort aufgeben muss. Heimat kann auch eine Sitzbank sein, wie für mich eine Holzbank in der Oberschütt neben der Kirche. Schaue ich zur Seite, sehe ich die Dobratschfelsen, schaue ich nach vorne, sehe ich das Dreiländereck. Diese Bank kann ich nicht für mich allein beanspruchen, in der nächsten Stunde werden sich andere darauf ausruhen.
Das Wort „Heimat“ geht viele Verbindungen ein, wie z. B. Heimathaus, Heimatschutz, Heimatfilm oder Heimatliebe. Die Liste lässt sich fortsetzen. Das Wort wird auch missbraucht, nämlich dazu verwendet, Menschen anderer Nationen oder Rassen aus dem Land zu vertreiben. Ein Starrkopf ist nicht bereit, die Heimat mit andersartigen Menschen zu teilen. Er erkennt nur eine Rasse von Menschen an. Heimatgefühle habe ich, wenn ich bei der Wehr in der Schütt, wo die Gail gestaut wird und dann in einem Kanal zum Kraftwerk fließt, auf einer Bank sitze. Vor mir erheben sich die Felswände des Dobratsch mit ihren Schluchten und Abbrüchen. Zwischen den hellgrauen und dunkelgrauen Felsen gibt es offene orange Stellen. Diese Wunden wachsen weiter zu. Die Felsen lassen sich nicht vermarkten wie die Gladiolenwiese und die Bärenbrücke, die Hornviper und die Smaragdeidechse. Das Gestein hat keinen Liebreiz, es bietet sich nicht als Klettergarten an. Es erhebt sich mit scharfen Kanten und glatten Flächen, am Fuße steht ein imaginäres Schild „Zutritt verboten“. Herabstürzende Felsen haben Teile von einem zerschellten Flugzeug, Menschenknochen und Tierköpfe unter sich begraben. Zwischen den Felsblöcken hat die Hornviper ihre Brutnester.
Heimaterde, ein schmerzliches Wort, ein grausames, ein verbrauchtes, ein missbrauchtes, ein hoffnungsfrohes Wort. „Die Heimaterde sei dir leicht“ ist der letzte Satz, bevor der Sarg ins Grab versenkt wird. Zur Verteidigung der Heimaterde sind Millionen von Menschen in den Tod geschickt worden. Die Vorstellung, dass ein Heimatvertriebener bald wieder die Heimaterde betreten wird, gibt ihm Hoffnung und neue Kraft. Von der Heimaterde Abschied zu nehmen, die Heimaterde zu verkaufen oder noch schlimmer, von der Heimaterde vertrieben zu werden, stürzte viele Menschen in Elend und Not. Noch einmal schreitet der Bauer vor der Hofübergabe über den eigenen Grund. Dabei zählt nicht der Wert des Bodens, sondern allein das Gefühl der eigene Herr zu sein. Der eigene Grund erinnert an die Kindheit; ihn zu verkaufen oder zu verlassen, ist schmerzhaft. Es ist wie der Abschied von der Kindheit, es bedeutet, die erste, die einzige Heimat zu verlieren. Das Verlassensein beginnt mit dem Tod von Vater und Mutter. In der Jugend verlässt man die Heimat, um in der Fremde Erfolg zu haben, um anerkannt zu werden. Stürzen die Brücken zur Heimat ein oder werden abgebrochen, so erscheint die Heimat als besonders wertvoll.
In den Orten des Gailtales verändert sich das Ortsbild. Die Orte wachsen an den Rändern, besonders dort, wo die Sonne länger scheint. Die jungen Familien bauen sich auf den ererbten Grundstücken ihre Einfamilienhäuser. Sie ziehen aus der Enge des Ortszentrums, aus den sanierungsbedürftigen Häusern, die Mauer an Mauer eine Häuserzeile bilden, aus. Zurück bleiben die Alten, welche ihr ganzes Leben in diesen Häusern verbracht haben und nur den einen Wunsch haben: darin zu sterben. Oft ist ihnen dieser Wunsch nicht vergönnt, sie werden gebrechlich oder schwermütig, man besorgt ihnen einen Platz in einem Pflegeheim. Solche Anstalten gibt es seit einigen Jahren auch auf dem Land. Die Jungen, welche an der Sonnseite gebaut haben oder in die Stadt gezogen sind, wissen mit den sanierungsbedürftigen Häusern nichts anzufangen. Bald hängt in einem Fenster im Erdgeschoss eine Tafel „Zu verkaufen“ mit der Angabe einer Handynummer. Der durchschnittliche Kaufpreis liegt bei fünfzigtausend Euro. Dieser Preis ist für Zuwandererfamilien aus dem ehemaligen Jugoslawien erschwinglich und mit Hilfe von Freunden renovieren sie das alte Gebäude.
Die Verabschiedung der Toten wird aus den Häusern, den Mietwohnungen und Wohnsiedlungen ausgelagert, hinein in die Aufbahrungshallen, die Totenhallen, wie sie im Volksmund heißen. Selbst die kleinen Gemeinden haben ihre Totenhallen, meistens in der Nähe des Friedhofes, selten in der Nähe der Kirche. Auch die künstlerische Ausgestaltung der Aufbahrungshalle kann den Geruch des Todes nicht vertreiben. Für die Errichtung der Totenhalle in einer Nachbargemeinde gab es eine öffentliche Ausschreibung. Unter den eingereichten Entwürfen befand sich der Vorschlag eines Künstlers, die Totenhalle als rotes Herz zu gestalten. Dieser Entwurf war den Gemeindepolitikern zu gewagt. Macht eine Totenhalle in Herzform den Tod erträglicher? Zum Beispiel den Tod einer Künstlerin, die über Bauchschmerzen geklagt hat und diese Schmerzen den Aufregungen zugeordnet hat. Es war Unterleibkrebs. Oder den Tod des Gastwirts, der immer ein fröhlicher Mensch war und mit seinem Witz eine Tischrunde unterhalten konnte. Vielleicht war er um eine Spur zu optimistisch und hat zu viel gelacht, bevor er sich selbst das Leben genommen hat. Der Dorfpfarrer hat ihm das kirchliche Begräbnis verweigert. Statt der Herzform gibt es jetzt in dieser Gemeinde eine der Tradition entsprechende Aufbahrungshalle. Einmal im Jahr verfasst der zuständige Referent in der Gemeindezeitung einen Bericht über das Bestattungs- und Friedhofswesen. Auf den entlegenen Bauernhöfen ist es heute noch möglich, die Verstorbenen zu Hause aufzubahren. Die verstorbene Altbäuerin wird in der Stube aufgebahrt, die Nachbarn halten die Totenwache und beten. Sie haben Kaffee, Zucker und Reindling mitgebracht. Nach dem Rosenkranz versammeln sie sich in der Küche zu Kaffee und Reindling. In der Stube hat sich die Altbäuerin seinerzeit dem Mann hingegeben, die Kinder geboren und sich abends müde ins Bett gelegt, um am nächsten Tag früh aufzustehen. Manchmal war dies auch in der Nacht notwendig, um einer Kuh beim Kalben zu helfen. Zur Müdigkeit kamen die Sorgen um ein krankes Kind oder ein krankes Schaf. In der Stube hat sie angstvoll gewartet, ob der Bauer aus dem Holzschlag gesund nach Hause kommt und mit Zorn, wenn er nach einer Zecherei betrunken heimkam. Aus dieser Stube, wo sie jetzt aufgebahrt liegt, hat sie schon vor Jahren ausziehen müssen, in das Ausgedinge im Dachgeschoss. Vier Männer tragen den Sarg, nach dem sie mit ihm über der Türschwelle ein dreifaches Kreuz gezeichnet haben, aus dem Haus und stellen ihn auf den Heuwagen, vor dem das Noriker-Pferd gespannt ist, das Pferd, dem sie manchen Zuckerwürfel gegeben hat und dem sie die erhitzten Flanken gestreichelt hat, wird sie zum Friedhof bringen.

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