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Ein letztes Fest. Ich schrieb dir.

von Angelika Stallhofer

 „Der Tod und die Heiterkeit“, meine Mutter fragte, „wie soll das zusammen?“ Ich aber antwortete nicht, antwortete niemandem mehr. Seit du gegangen warst, mitten in der Nacht, stellte ich nur noch Fragen, wie sie, und hielt mich an die stummen Fakten: Ein gelbes Kleid, eine Nadel, das Garn. Nimm Sicherheitsnadeln mit, falls etwas reißt, und komm bald wieder. Monatelang sprach ich kein Wort über dich, doch dann nahte das Fest, und ich tat es. Erzählte mir von dir. Spätnachts.

Du wurdest an einem Freitag geboren, einem sonnigen Tag: Ein Haus, vierzig Kilometer hinter der Grenze. Dort wo die Berge aufhören und der Wind sich verliert. Du bist noch mit den Mücken mitgeschwommen, hast du mir oft gesagt, und weil meine Augen bei den Mücken immer weit wurden, hast du nur gelacht, den Zeigefinger mit Speichel benetzt und den Faden wieder aufgenommen: Zum See hin und zur alten Burg. Ich war noch sehr jung und blieb nicht lange wach. Es gab eine Insel in deiner Erinnerung, auf der ich schlief. Das Surren der Nähmaschine setzte mich zuverlässig über.

Mit acht hast du schwimmen gelernt, von deinen Brüdern, hast dich vom Schilf befreit, am Weg zur Insel, bald jeden Morgen, hin und zurück. Eine Strecke, die überschaubar, und ein Himmel, der still war. Wo du auch aufsahst, du hattest nichts zu fürchten. – Es waren Menschen gewesen, die den Sturm brachten. Es waren Menschen gewesen, die gegen ihn anliefen in den Wäldern. Die Gesichter waren grässlich entbrannt und die Arme, die Augen, waren kalt an die Kehlen gesprungen, hier wie dort. Du hast wenig mitnehmen können. Du bist angekommen: Mit fünfzehn. 

Das Glitzern in deinem Blick: Wenn die Männer dich viele Jahre später fragten, hast du gesagt, es kommt vom See, und da du mit ihnen spazieren gingst in ihrem Land und ihre Sprache beherrschtest, dachten sie an einen der ihren. Keiner dieser Männer kam dir sehr nah. Du hattest deine Haut aus dem Sturm gezogen, und dann: Man prahlt nicht damit, ganz gleich, was man gerettet hat.

Du hast zum Garn gegriffen und zu den seidenen Fäden. Du hast dir Kleider genäht, bis tief in die Nacht. Du hast mir Stoffe an die Hüften gehalten, ich führte die Röcke aus, auf den Waschbetonplatten, am nächsten Tag. Lachend fiel ich aus den großen Schuhen, und dir, auf halber Strecke um den Hals. Deine Haut war weich, ich schmiegte mich an sie, tastete nach trockenen Stellen ab und an. Ich atmete ruhig. Schon als Kind: Man weiß die Menschen, die man liebt, gerne in Sicherheit. Vielleicht muss man nie mehr über sie wissen, oder aber so viel: Du bist eine gute Schwimmerin gewesen, du bist nie wieder ans Wasser gegangen danach. 

Du hast Lotto gespielt, jeden Sonntag. Du hast zu mir gesagt, heute gewinnen wir, komm, halte mit mir die Daumen. Ich stand hinter dir auf dem Sofa, ich drückte die kleinen Fäuste in deine Schultern. Einmal: Ein Bericht aus deinem Land, Aufnahmen von einem strahlenden Fest. „Oma!“, rief ich, du machtest gerade die letzten Stiche mit der Hand, die Reporterin wies zum Himmel über den Bergen. In deinen Augen blitzte es, und dann: Alles, was dir je von Bedeutung gewesen war, immer durchfuhr es auch mich.

Eine Grenze zwischen uns: Jahrelang hätte es niemand vermocht, sie zu ziehen. Wir sprachen auch noch eine andere Sprache, die keine Seiten füllt. Die über, unter oder neben allen Sprachen ist. Eine, die man nicht festhalten, auf den Rücken oder auf den Bauch drehen kann, wie man sie haben will: Sätze ohne Kehrseiten, ohne Ecken und Kanten. Ich hatte dein Haar und benutzte deine Worte wenn ich zu anderen sprach, und was sich im Geist für ein und dasselbe hielt, wer wollte es spalten?

Ich bin auf keinem der Feste erschienen, die man dir zu Ehren gab. Es sind Feste gewesen: Sie fanden statt im hellen Tageslicht. Ich aber wollte durch den Tunnel und so fuhr ich zu dem Fest, das man hinter den Bergen beging, und erzählte dir von jener Nacht. Vom Pfau, der sein Rad schlug. Von Menschen, die mich willkommen hießen, mit großen Gesten. Von der Frau, welche die Arme nach dem Himmel ausstreckte und sagte, sie sei ihm nun ganz nah. Ich beschrieb dir, wie die Farben Feuer fingen in den laufenden Lichtern der Fackeln. Ich zählte die Sternbilder auf, die ich am Ufer sah. Ich zeigte für dich zum Mond – und zeichnete die Umrisse der Insel. Es sind Augenblicke gewesen, ohne Ecken und Kanten, und dann, am frühen Morgen: Ich schrieb dir: Die heitersten Stunden sind manchmal so still. Ließest du jetzt eine Stecknadel fallen, du weißt, ich würde es hören.   


  1. Edgar Hättich

    So eine schöne Sprache, so nahe der Lyrik und so unmittelbar aus dem Gefühl!

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