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Termin beim Verlag

von Paul Auer

(Textausschnitt)

Und, Robert – was hat der Typ vom Verlag gemeint?“

Hm …“

Ich sage Ihnen das im Guten: Verschonen Sie mich! Verschonen Sie mich mit dieser Familiengeschichte! Verschonen Sie mich mit einer weiteren fünfhundertseitigen Versuchsanordnung über die Gründe des Scheiterns einer Familie! Ich kann es nicht mehr lesen! All die Nazigroßväter und alkoholkranken Mütter, all die Versager der dritten Generation, die wegen ihrer Nazigroßväter und alkoholkranken Mütter nichts, gar nichts auf die Reihe bringen und in einem Sumpf an Vorwürfen und Schuldzuweisungen stecken bleiben; die glauben, sie würden diesen Sumpf durch das Schreiben trockenlegen. Ich weigere mich, die neunzigste Beschreibung eines Hauses zu lesen, wo Leute über Generationen hinweg zugrunde gerichtet werden, ausufernde Beschreibungen der Verbrecherküchen und Verbrecherwohnzimmer, der Verbrechergärten und Verbrecherdachböden, des ganzen Verbrecherhausrats; und erst Familienfeste! Familienfeste voller Verlogenheit und Schweigen, obwohl so viel, so unendlich viel geplappert wird. Familienfeste, die für sensible Familienmitglieder die Hölle auf Erden sind, von denen sich die sensiblen Familienmitglieder ihr Leben lang erholen müssen, die den sensiblen Familienmitgliedern alles vereiteln, weshalb sie in Folge nicht und nicht voran kommen, weil eben die Nazigroßväter und die alkoholkranken Mütter die Saat des Versagens unauslöschlich in sie eingepflanzt haben, vor allem auf den kryptofaschistischen Familienfesten, wo Neurosen in einer unerträglich-spießig-bedrückenden, kleinbürgerlichen Atmosphäre gezüchtet werden – natürlich immer in dieser kleinbürgerlichen Atmosphäre! Angstzustände, Herzrasen, Schweißausbrüche, Panikattacken, das Gefühl einer zugeschnürten Kehle, während man eine Schwarzwälder-Kirsch in sich hineinstopft, mit einigen Gläsern Schampus muss man sie hinunterwürgen, Beginn der eigenen Trinkerlegende, jaja … Was glauben Sie, wie oft ich mich bereits durch Taufen, Geburtstagsfeste, Begräbnisse und Hochzeiten quälen musste, nur weil Jungliteraten meinen, etwas an ihren verrotteten Familienleben, an ihren miserablen Familiengeschichten würde sich ändern, sobald sie dieses ganze deprimierende Zeug zwischen zwei Buchdeckeln gepresst in Händen halten? Um es ihren Nazigroßvätern und alkoholkranken Müttern zu überreichen, mit den Worten: So, jetzt lies das mal! Lies, wie das für mich gewesen ist, nachdem bislang immer nur du und du im Mittelpunkt gestanden, dich in den Mittelpunkt geschoben hast mit deiner Nazivergangenheit und deiner Alkoholkrankheit und dabei gar nie auf die Idee gekommen bist, dass es auch mir nicht blendend ging und … Nein! Ich kann es nicht lesen! Ich weigere mich! Fahren Sie doch hin zu Ihrem Nazigroßvater und Ihrer alkoholkranken Mutter! Teilen Sie ihnen all das mit, Sie müssen dazu nicht die Umwege des Literaturbetriebs nehmen, der sich, mit Verlaub, einen Dreck um Ihre persönliche Familiengeschichte schert, dem Ihre Familiengeschichte herzlich, ja herzlichst egal ist, der nicht immer wieder Leuten die Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte abnehmen kann! Ich weiß schon, im Leben passiert viel Trauriges, Menschen widerfahren wirklich traurige Dinge, und manche Menschen denken sich schon im Grundschulalter, mir widerfahren solch wirklich traurige Dinge, aber dem Tom aus der dritten Reihe widerfährt überhaupt nichts, der fährt mit seinen Eltern auf Urlaub und sonntags fahren sie aufs Land, also werde ich, wenn ich groß bin, Schriftsteller sein und der ganzen Welt von den wirklich traurigen Dingen, die mir widerfahren sind, berichten; dafür werde ich Preise und viel Geld bekommen und in weiterer Folge mit prächtigen, ja mit den prächtigsten Frauen schlafen, während Tom im besten Fall als verbitterter Tankwart enden, saufen und seine Frau verprügeln wird. Keine Frage, Phantasien dieser Art helfen einem Kind durch die Jahre, aber, nehmen Sie es mir nicht übel, Sie sind erwachsen und müssten sich von derlei Größenwahn längst verabschiedet haben. Sie müssen einsehen, dass die traurigen Dinge, die Ihnen widerfahren sind, Sie in keiner, ja keinster Weise zu jemand Besonderem machen, schon gar nicht zu einem Schriftsteller, denn die Erfahrung trauriger Dinge ist nie, niemals Befähigungsnachweis für eine künstlerische Betätigung, im Gegenteil, ich erachte derlei sogar als ziemlich hinderlich, da Traurigkeit nichts generiert als Größenwahn, während Fröhlichkeit fruchtbar und kreativ macht. Ich weiß schon, dieses Missverständnis herrscht allerorten vor, gerade in Ihrem Land, dass nämlich Schriftsteller über eine traurige, ja traumatische Kindheit verfügen müssten, dass diese sozusagen Teil des Berufsbilds wäre, aber dem ist nicht so, dem ist gar nicht so, denn traurig ist jeder Mensch für sich alleine, zudem hat jeder Mensch eine eigene Familiengeschichte, glauben Sie bloß nicht, dass Ihre Familiengeschichte die einzige Familiengeschichte auf der Welt wäre! Und soweit ich das sehe, ist Ihre Familiengeschichte nicht einmal besonders außergewöhnlich, wie gesagt, Nazigroßvater, alkoholkranke Mutter, mir kommt das Gähnen, das ist eine völlig abgelutschte Konstellation; Ihr ganzes Land, jede Familie in Ihrem Land, kennt diese Konstellation, bedenken Sie nur, dass es in Ihrem Land soundso viele Nazis gab und bedenken Sie weiter, dass in Ihrem Land soundso viele Alkoholiker leben, das ist eine Armada potentieller Familiengeschichten, die womöglich in den Kellern Ihres Landes lagern mit dem Ziel, sie eines Tages zu veröffentlichen – anstatt etwa eine Familientherapie zu versuchen. Ja, es gibt doch all diese Aufstellungen, jede Familie wird mittlerweile auf die eine oder andere Art therapiert, da muss es auch für Sie, für Ihre Familie, ein passendes Angebot geben, eine bessere Möglichkeit, als sich mit der eigenen Familiengeschichte in das literarische Feld zu begeben! Außerdem – haben Sie je bedacht, was die Veröffentlichung einer Familiengeschichte an Konsequenzen mit sich bringt, dass die wahren, ja die wahrsten Probleme in Folge erst beginnen würden? Nachdem nämlich Ihr Nazigroßvater und Ihre alkoholkranke Mutter Ihre Familiengeschichte gelesen hätten, würden sie kaum das Buch aus der Hand legen, Sie anrufen und Ihnen mitteilen, dass sie nun alles, wirklich alles verstehen, dass sie es nun deutlich, ganz deutlich sehen würden, dass ihnen erst jetzt klar geworden sei, wie sehr Sie unter der Nazi- und Alkoholproblemlage gelitten hätten, weswegen sie Ihnen, gewissermaßen als Entschädigung, Sparbücher und Häuser schenken und Sie bei der Aufarbeitung Ihrer grausamen Familiengeschichte mit voller, ja vollster Kraft unterstützen wollten. So stellen Sie sich das vor? Sie Träumer! Das Gegenteil würde geschehen! Ich muss Sie in dieser Hinsicht leider völlig desillusionieren! Ich habe genügend Erfahrung mit Jungliteraten, die diesen Weg gegangen sind, als Resultat der Veröffentlichung ihrer Familiengeschichten aber nicht die Befreiung von der Traurigkeit und den schmerzvollen Erinnerungen erlebten, sondern die Zerstörung ihres kümmerlichen Familienrestes: Seitens der Nazigroßväter und alkoholkranken Mütter wurde ihnen nämlich der Kontakt aufgekündigt, was diese Jungliteraten in eine existentielle Krise stürzen ließ, weil sie ja mit dieser absolut unverständigen Reaktion ihrer Nazigroßväter und alkoholkranken Mütter absolut nicht gerechnet hatten. Und das Grausame, Grausamste, ja für mich persönlich kaum zu Ertragende war sodann die Strategie, mit der diese Jungliteraten auf die Zurückweisung reagierten: Sie verfassten ein weiteres Buch, welches eben die Zurückweisung durch die Nazigroßväter und alkoholkranken Mütter thematisierte! In ihrer Verzweiflung bildeten sie sich ein, sie müssten abermals literarisch, sozusagen literarisch aufarbeiten, was ihre Familien an ihnen, den Jungliteraten, verbrochen hätten – obwohl sie lediglich enttäuscht waren, dass Ihnen die veröffentlichten Familiengeschichten weder Sparbücher noch Häuser einbrachten, die sie zugegebenermaßen durchaus benötigt hätten, da die Veröffentlichung einer Familiengeschichte, wie eigentlich fast jede Veröffentlichung einer fast jeden Geschichte, insgesamt ein erhebliches Verlustgeschäft für den Jungliteraten bedeutet, womit Sie sich hoffentlich schon vor Beginn Ihrer Arbeit an der Familiengeschichte auseinandergesetzt haben, ich hoffe es zumindest inständig, ja inständigst. Denn sollte es mir, so Gott will, gelingen, Sie von der Veröffentlichung Ihrer Familiengeschichte abzuhalten, so werde ich Sie wohl kaum von einer weiteren schriftstellerischen Betätigung abbringen, weil Sie ja, seit Sie in Grundschulzeiten Ihre Traurigkeit mit der anderer Kinder in Vergleich setzten …“

Robert! Was hat der Verlagstyp gesagt?“

Ach der … Das Übliche.“

Das Übliche …?“

Ja. Das Buch sei zu schwierig für sein Haus. Die wollen mehr die leichte Kost. Aber …“

Aber?“

Aber ich soll weitermachen. Unbedingt soll ich weitermachen.“

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