VATERSTERBEN

von David Poelzl

I

Die Wellen des Flusses kräuseln sich nicht. Bewegungsarm schweift er ab, bricht an der Pforte, die Zukunft verheißt, löst sich auf in nicht greifbarer Ferne, einen Tatort, gefüllt mit Indizien, die vergessen, die Welt zu erklären, angehäufter Schatz an Dingen, Möglichkeiten, die den Stern der Versäumnis schmücken. Ich sehe und erblinde. Mein visueller Analphabetismus drückt mich gegen die Türklinke. Bei Öffnung der Tür falle ich. Ein offener Spalt. Ein Zuviel an Antworten. Böse Eindrücke. Und so sitze ich auf einer Bank am Fluss, meinem Lebensfluss. Hier wurde ich gezeugt. Lauwarmes Vatersperma. Dahinter die Mauern der Spermafabrik. Eingepackt auf einer Anrichte, einem Hügel, ausgestattet mit bestem Samen- und Düngererzeugnis. Ich bin der Dünger, der diesen Lenden entstieg. So lebten wir, Samen und Dünger, jahrelang nebeneinander, mal Unkraut, mal Frucht, immer unzertrennlich und widerspruchssiegend, ein Widerspruch, der sich in Zärtlichkeit zusammenzog, ein Schatten, der mir unaufhaltsam folgte, kleine Stöße an den Innenschenkeln, Leben und Qual, eine Synthese außerhalb jeder Wahlverwandtschaft. Und doch hätte es nicht anders sein können. Gerade da ich mir diesen Vater nicht ausgesucht habe, er mich unfreiwillig zeugte, jeder Tropfen zu schade, wollte er doch nichts verschütten, sondern Ursuppe bleiben, ein Ich, formvollendet in seinen fehlenden Formen, ein schlanktrunkener Gliedmaßenjunkie, schnürsenkeldünn, ein zurechtgebogener Nachtfalter, wehrlos und passiv-aggressiv, oft gestürzt, langsam, doch ohne Willkür wieder hochsegelnd, ein Fuß am Boden, der andere im Mädchen, gesucht vom Tod, ein Mädchen, arm und schön, schon früh Lunge und Herz verhustend, doch ihre Unschuld siegte über sein Herz, nahm es ein, ließ es nicht aus, nur mit ihr konnte er sich verschmelzen, sein Übergewicht an Intimsangst verlangsamen, er begann, sich in ihr auszuschütten, doch der Gedanke, in Vereinigung eine Nachtfalterkolonie nach seinem Vorbild zu rekrutieren, lastete auf ihm wie das Ende der Französischen Revolution auf den Paletten Idee und Fantasie. Vater, ein Nachtfalter ohne Ziel und Gegenpart, einsamer Narr, mit der Liebe eines Mädchens zugeschnürt, verpackt und abgeschickt, doch niemals die Übersee erreichend. Die Ingering, ein trauriges Gewässer, zu Stillstand brandend, jedesmal, wenn er kam, sie zu erahnen, ihren Fortlauf zu studieren. Richtungsweiser taugen ohnehin nichts. Stille Seelenschau. Und ich muss hier raus. Ich lege den Stift zur Seite, klammere meine Fingerspitzen unmerklich am Papier fest, die Buchstaben an beiden Rändern drohen zu verblassen, sich aufzulösen in die Ohnmacht des Nichts, ein Anfangsbleibsel verschleuderter Endsiegtropfen, ein Name, der im Taufbecken ertrank, und doch die einzige Spur einer Ungewissheit namens Sein, eingeschlossen in verzweigt zusammengezogenen Blattresten, entlassenen Samenkörnern, Hundehaufen mit Bienenzuwachs, menschenbesetzten Bänken, ein Abdruck, gesiebt für die Ewigkeit, entwischt in Vielfalt und Hast, das Gewicht der Welt erleidet uns, sprachlos fühlen wir uns, doch Gefühl ist ein zu großes Wort, Hinterhalte, Hinterhöfe, in denen noch heute hingerichtet wird, ein Baumstamm, mit zu viel an Last bestückt, bettelt um den Tod in Reinansicht, ein Mann, in Tiefenhöhe seines Lebens, felsenfest verankert, in der Triebfeder seines gerodeten Ahnenstammes namens Eden. Wie man leben soll, habe ich an Vater erahnt, trotz Kotze und Nahrungsverweigerung. Er, eine typische Menschenfigur, einzigartig in einer Provinz, prototypisch innerhalb des Begriffraumes Provinz, Raum, so eng und weit, dass Orientierung sich als Hurenkind offenbart, doch die Währung ändert sich auf der Stelle, kommt von der Stelle nicht los, so weit, dass man den Mond nicht mehr sieht, befindet man sich doch bereits in seinem Gehäuse, einem ausgebrannten Kern, mit wechselnden Hautpartikeln überzogen, Fetzen überlagerter Existenzen. Wenn ich so sinniere, möchte ich das Schreiben aufgeben, möchte das Erlebte nur noch kommentieren und so in meinem Inneren speichern, ablegen, per Knopfdruck jederzeit reanimierbar, oder überhaupt als Hülle jenseits von Innen und Außen spüren, zu einem Kraftfeld gespannt, das all das Fühlen in seiner Möglichkeit unendlich potenziert. Ich fühle nichts. Kraftlos, umwoben vom Gevatter Tod, dem nahenden Tod meines Vaters, einem von mir imaginierten Sterbeprozess, der sich schon vor meiner Geburt über die irdische Ankunft meines Vaters legte, hinwegsetzte, seine Lebensspur im Ejakulat seines eigenen Vaters im Sand zu Grabe trug, Wüstenasche inmitten eines gemäßigten Polarkreises, darin das Leben an mich weitergab, seine Verdammnis, sein Weiterleben und tägliches Sterben. Der Sohn eines Vaters zu sein ist eine Erkenntnis, die sich einem erst im Moment des Vatersterbens beziehungsweise eines greifbaren Gedankens daran, offenbart. Zuvor ist man Nobody’s Child, ein freier Mensch inmitten der Wohlfühlanlage geschäftiger Eltern. Nun ist es so weit. Vater befindet sich zwischen Diesseits und Jenseits, wenngleich er das Diesseits nur noch streift, mit seinem cortisongeschädigten, speichelüberflutenden Scheitel, eingesickert in dem dünengestärkten Polsterkissen, eine Strafe, mir auferlegt, Mörder meiner eigenen Daseinsberechtigung. Wie oft habe ich es widergekäut, treffergierig imaginiert und einer höheren, nur mir zugänglichen Ratio bloßgestellt, einem Sein hinter dem Seienden, zu Tode getragener Dualismus, immer dann, wenn das Verborgene, nach Erfassung schreiende, ein Brodeln in mir, stillgelegt in Balanceakten, Sturz vorausgerechnet, doch fliegen können nur die Verzweifelten, ungewiss Gewisse einem Verzweiflungsuhrwerk namens Hoffnung dient, dienen muss, Hoffnung-Verzweiflung. Jeder Dualist weiß: Dualismus in Reinkultur – Das Wesen als das Wesentliche zu ahnen ist Resignation an der Bestimmung, seiner eigenen Schicksalsmöglichkeit. Dort, wo Gewissheit Erfindung, Erfindung Gewissheit ablösen will, wird es parallel, ein Parallelleben namens zermürbender Wahn, gestürzt und zugenäht in Leere, eine Umkehrung ist nur noch unaufhörlicher Tanz mit Engel und Teufel, der Liebe muss endgültig abgeschworen werden, der Hass übersät das einstige Weizenfeld aus der Toppas-Werbung, damals als Sommer noch Sommer waren, doch niemals ohne den trauernd vielgerühmten Summerwind, Märchen mit kindheitssteigender Abhängigkeit von Sehnsucht nach Friede, Freude, Eierlikör auf nach Osten ziehenden Wägen, so eitel-duldend, so kurzwährend, sich als wahrhaftig erweisend der im Winter untergehende Herbst, eine brach-offenliegende Stimmungsschau, örtlich gesehen ein Einsamer auf einer Bank, inmitten von Nebel, dem Licht aufsteigenden Dunst und regungslos wuchernder Erde, ein Schmetterling in Gestalt eines Regenwurms mit dazugehörigem Regenbogen am tabulosen Himmelskörper, alles in meiner Hand, meiner eigenen Nabelschau offenlegend, jegliche Schließmuskel und Wundstellen in die Irre führend, eine Bewegung ohne Richtungsweiser, morning has broken, denn er ist in mir, Melodie geworden, gebrochen die steinerne Mauer aus ungeklärten Verhältnissen, Luft aus Atem, meine Kiemen auf den Eislaufplatz segelnd, die Kindheit nachlebend, Leben auf der Überholspur, doch das Gaspedal tritt durch, damals suchte ich meinen eigenen Schatten zu überholen, Gespensterschicht aus matter Gewissheit und Zukunftstohuwabohu während meine Gegenwart an der Vergangenheit festhielt, herzmeteorentief in der Zwickmühle namens Kindheittraumerbricht verkettet, die goldene Kette zieht einen sieben Leben lang mit sich, ins Abseits, wo die Sprungschanze wartet, unpräpariert, todesssicher, doch siebenmal sind zu viel, zu viel der Wiederholung und die Erinnerung schnürt sich fest in zur Schande eingezeichneten Spuren des Gegenwärtigen, Seiendes Ich, bloßes Objekt, zweckentfremdet and your bird can sing – bis ein Vogel zum Subjekt wird, seiner Singhaftigkeit wegen, A-A-A Der Winter der ist da, die Reise, die ich niemals angetreten bin, zurückgeblieben, in meines Vaters Spuren, Vater, niemals werde ich dich beerdigen können, deine Ruhe wird sich erstrecken über Gebirgshöhen, die du nie erklommen, windzersaust ins Tal gleiten, Ebene, Ebbe, die Höhen-OP nichts als Ritus, der strafend säubert, Gnade im Schmutztümpel zu viel gebadeter Weichspülspitzen, zu matt, um Arme zu heben, doch sinkensreich wird die Brutstätte verlassen, Flucht nach vorne, der Nachtzug rast ohne Tunnel, die nächste Böschung wird die Schlucht nach unten sein, Stillstand, die Kette halb gerissen, die Wurzel verbogen, Kraut ist stärker als Gulaschsaft, den Anker auszuwerfen in Richtung Neue Verfrorenheit fällt schwer, hin- und hergerissen, das Urteil im Lebenslang, so bin ich Etwas Seiendes, zwischen Sein und Nichtsein, die Frage, die sich mir stellt, welches Ufer den größeren Halt bietet.

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