Tiefparterre

von Gisela Unterberger

Durch Nebelwände, die vom nahen Fluss aufstiegen, bahnte sich E. ihren Weg durch das ausgedehnte Gelände der städtischen Krankenanstalten. Es war früher Winter, und die in hellen Farbtönen gehaltenen Gebäude hoben sich undeutlich vom noch helleren Boden ab. Eine steinerne Brücke überquerend, geriet sie in ein Wirrwarr von asphaltierten Wegen. An jeder Biegung standen Schilder mit Aufschriften, die den Ankömmling zu den verschiedenen Instituten leiten sollten. Endlich hatte sie den Standort der ihr zugewiesenen Abteilung ausfindig gemacht. Ein langgestrecktes, niederes Gebäude, zu dessen Haupteingang eine Auffahrtsrampe führte, wurde im Nebelgrau sichtbar.

Im Eingangsbereich des Gebäudes wurde E. aufgefordert, ihre Besucherkarte vorzuweisen. Eine breite Treppe führte in tiefer gelegene Kellerräume hinab. Hatte sie hier ein abgedunkeltes Schattenreich erwartet, so war sie überrascht, einen großen lichtdurchfluteten Saal zu betreten. Glänzende, wie poliert aussehende Blattpflanzen wuchsen und kletterten bis zu den Deckenfenstern empor. Auf Ledersesseln und Bänken saßen Männer und Frauen verschiedenen Alters. In lichtgrüne und weiße Mäntel gekleidetes Personal empfing die neu ankommenden Besucher und bot ihnen ein säuerlich schmeckendes, rötlich gefärbtes Getränk in Bechern an. Ob es sich dabei um einen Trank des Vergessens oder um einen Beruhigungstee handelte, konnte E. nicht feststellen.

Von Zeit zu Zeit durchschritt ein bärtiger Mann von behäbiger Opernsängerstatur den Raum und verschwand hinter einer der zahlreichen Türen. Das schien der Chef des Hauses zu sein. Man musste seine Karte abgeben und warten, bis man aufgerufen und in eines der Zimmer geholt wurde. Wer das erste Mal kam, musste sich außerdem einem langwierigen Aufnahmeritus unterziehen, wurde von verschiedenen Apparaturen fotografiert und erhielt farbige Zeichen auf der Haut. Auch E. war gezwungen, sich diesen Bräuchen zu unterwerfen, was sie in zunehmende Furcht vor dem auf sie zukommenden Unbekannten versetzte. Vor allem beunruhigte sie der Gedanke an jene Türen, die obenauf ein kleeblattförmiges Warnzeichen trugen. Die Wartenden wurden, einer nach dem anderen von einer freundlich klingenden Stimme aufgerufen, traten durch diese Türen ein und kamen nach kurzer Zeit wieder heraus. Manche redeten miteinander, die meisten aber saßen, in sich gekehrt, mit gesenkten Augenlidern da. E. vernahm, wie eine kleine rundliche Frau zu ihrer Nachbarin sagte: „Wir hoffen ja alle noch.“ Aus den Äußerungen anderer, zumeist jüngerer Personen, erfuhr sie, dass sich alle nichts sehnlicher wünschten oder erhofften, als aus diesem Zwischenbereich befreit zu werden. Allein schon durch die Tatsache des Hierseins wäre die Aussicht auf eine unbeschwerte Rückkehr an die Außen- oder Oberwelt günstiger geworden. All diese Prüfungen und Proben, denen man sich aussetzen musste, dienten nur dazu, um später gehärteter oder geläuterter den Anforderungen irdischer Wirklichkeiten begegnen zu können. Nachdenklich blätterte sie in den alten Zeitschriften, die vor ihr lagen, und deren Überangebot an Sinnesfreuden in sonderbarem Gegensatz zu dem hier herrschenden Fluidum der Vergänglichkeit stand.

Endlich vernahm sie über den Saallautsprecher ihren Namen.

Sie sprang auf, eilte zu der mit einer Zwei bezeichneten Tür und fand sich in einer kleinen Kabine wieder. Auf Anweisung einer von oben kommenden Stimme legte sie ihre Kleider ab und trat, ihre Blößen mit den Händen bedeckend, in einen großen, fensterlosen Raum ein, in dessen Mitte ihr eine Liege auffiel, so wie ein dahinter angebrachtes kastenförmiges Gerät. Ein Mann von fernöstlichem Aussehen wies E. an, sich auf die Liegebank zu begeben, dort ruhig zu verharren, ja, jede Bewegung zu vermeiden, bis weitere Anweisungen aus dem Schaltraum kämen. Er breitete eine schwere silberfarbene Decke über ihren Körper und ließ nur die mit Farbe markierten Stellen des Oberkörpers frei. Auf einem seitlich angebrachten Monitor waren verschiedene Zahlen und Maßangaben, deren Sinn ihr unverständlich war, zu sehen.

Nun verließ der Mann den Raum, und der herab geschwenkte, elektronische Teil des Apparates begann zu surren. E. schloss, mit der bedrohlichen Technik allein gelassen, ihre Augen. Ebenso plötzlich, wie er begonnen hatte, brach der Summton wieder ab. Nach einiger Zeit kam eine Assistentin herein und forderte sie auf, von der Liege herabzusteigen und den Raum zu verlassen. Für diesmal wäre die Prozedur beendet.

Erleichtert atmete Eurydike auf, kleidete sich hastig an und verließ den Wartesaal zur Unterwelt.

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