Violoncello

von Elisabeth Faller

Violoncello I

Sie verfügten

über keinerlei

gemeinsamen Besitz

bis auf

einen

nicht endenwollenden

Bogenstrich

in A-Dur

pianissimo

Violoncello II

Mit fernen Armen

spannst du mir

meine Saiten

neu

stimmst mich behutsam

in reinen Quinten

Violoncello III

Ich

musiziere mit dir

in der Erinnerung

an das Vertrauen der Kindheit

unserer Zeit

mit den schweren Celli

über den schmalen Schultern

du ein wenig geübter

ich die Scheue

mit dem zaghaften

Bogenstrich

es erklingt

unvermutet

unsere Melodie

nach Jahren

die erste Seite

unserer Partitur

geschrieben

auf meiner Haut

Violoncello IV

(Treblinka)

Mit Musik würden sie umzustimmen sein, meinte der Cellist und schulterte neben der eilig gepackten Reisetasche sein Instrument samt Kasten. Ein Irrtum. Als sie den Zug verliessen nach kurzer Fahrt. Der Cellist packte in Windeseile sein Instrument aus. Ein paar Töne. Vielleicht würden sie ihn retten. Unsanft stiessen ihn die Soldaten weiter. Einer riss ihm das Violoncello aus der Hand. Warf es auf den Haufen von Koffern und Taschen. Mit einem dumpfen Geräusch brach der Stimmstock. Der Cellist hörte es deutlich. Zu Hilfe! Schrie es in ihm. Er dachte an seine Töne. An sein wunderbares Vibrato. Das ihn am Leben erhalten hätte können. Vergeblich. Mit ihm. Elendigliches Verrecken aller jemals ins Hörbare gezauberten Fantasie. Mit ihm. Erstickt.

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