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Der Tatbestand der Worte

von Arnulf Ploder

Als Kind habe ich immer den Erwachsenen zugehört. Ganz ruhig, um alles mitzubekommen, aber auch, um von ihnen vergessen zu werden und ihr Verhalten nicht durch meine Anwesenheit zu verfälschen. Scheinbar unbeteiligt schärfte ich mir ihre Blicke, Mienen, Gesten und Wendungen ein. Doch achtete ich nicht nur auf die von ihnen gebrauchten Worte, sondern auch auf meine eigenen. Jedes Wort wog ich sorgsam ab. Was konnte es bewirken, wenn ich es aussprach. Ich überlegte ständig: Was darf ich sagen, was nicht? Und was war besser? Einem anderen etwas von dem Gehörten weiterzuerzählen, wozu man mich, die kleine Ohrenzeugin, wahrscheinlich insgeheim ausersehen hatte, oder es für mich zu behalten und zu verschweigen. Zu oft hatte ich gesehen, was allein Worte anrichteten. Davon wollte ich mich reinhalten. Aber dann, Jahre später, geriet ich in ein Umfeld, wo genau das als einziger Schwall über mich hereinbrach, wo dem Sprechenden alles an gemeinen Anspielungen und verletzenden Nebenbedeutungen recht war, wo das, worauf ich immer Wert gelegt hatte, mit ungestümer Rücksichtslosigkeit weggewischt, redend nur noch ausgeteilt wurde. Ich sah mir gegenüber eine Lust, den Anderen fertigzumachen, dass ich es nicht fassen konnte. Da folgte Schlag auf Schlag, und jeder saß. Ich hatte nichts dagegen in der Hand. Es ging mir direkt in die Magengrube. Ich war wie erschlagen, dass es das gab. Aber noch mehr, als es mich traf, staunte ich darüber, jemanden zu sehen, der sich auf diese Art versündigte, und zwar auch gegen sich selbst.

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