Kärntner Schriftsteller… > Leseprobe > Der Platz, an dem ich lese

Der Platz, an dem ich lese

von Alois Hotschnig


Einer traute sich nicht über den Dorfplatz zu gehen, durch die Blicke der anderen, durch die er hindurchmusste wie durch eine Beichte, damit fing es an. Die Geschichte dieses Mannes lockte mich in ein Buch. In die Bücher, die ich seither nicht mehr verließ.

Sein Dorfplatz war auch mein Platz, wusste ich. Die Blicke der anderen waren mir bekannt. Verhasst. Und vertraut. Dieser Mann war ich selbst. Und auch nicht.

Ich folgte dem Mann und las mich von Dorfplatz zu Dorfplatz, von einem Ort, den ich kannte, zum nächsten, von einer Geschichte, die ich mir war und nicht war, zur nächsten und zu mir zurück.

Das Gelesene ließ mich verändert zurück, merkte ich. Auch der Ort, an dem ich las, war nicht mehr derselbe danach, von da an. So machte ich mich auf den Weg in die Bücher und hielt mich dort auf und kam verändert aus ihnen heraus jedes Mal, und war doch angelangt, endlich, bei mir, und auch nicht.

Mit den Büchern wechselten die Orte, an denen ich las. Wohin immer ich kam, jeder Ort hielt eine Geschichte bereit, die gelesen sein wollte. Ich las. Im Buch und darüber hinaus. Denn was zu sehen ist, ist auch außerhalb der Bücher zu sehen.

Seither lese ich Menschen. Der Ort, an dem ich lese, sind die anderen. Der Ort, an dem ich lese, bin ich selbst. Seitdem ist es mir eine Lust, über Plätze zu gehen und mich dort aufzuhalten und zu warten, was kommt, um zu sehen, was war und was ist und was hätte gewesen sein können, und, um davon zu erzählen, auch mir selbst, und immer von neuem komme ich dabei an den Ort, an dem meine Geschichte durch den Bericht eines anderen für mich erst beginnt.

Wir machen die Augen auf und erkennen uns in den Blicken der anderen und in deren Geschichten, die wir uns sind, die wir uns auch sind. Wir gehen über Plätze, allein und in Gruppen, getrennt, und begegnen uns in den Sätzen, die an den jeweiligen Orten schon auf uns warten, Sätze von anderen und von uns selbst. Diese Sätze machen Licht und leuchten den Ort aus und machen aufmerksam auf Hindernisse am Weg. Indem wir erzählen, legen wir Karten an. Diese Karten sind lesbar und berichten von der Schönheit und vom Schrecken der Plätze, über die wir zu gehen haben in uns.

Kommentare sind geschlossen.

Trackbacks und Pingbacks

Design & Programmierung Almstudio.at