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Aus „Judith“

von Maria Pink

Angela kommt ins Schwärmen: „Paul Kamsler wurde in den Medien als Pionier gefeiert. Und was hat er getan? In dieser unwirtlichen Gegend hat er ein Hotel aus dem Boden gestampft.  Die weitere Geschichte, wie er es fertig brachte, die Bürger von Cairns zu motivieren, an der Errichtung eines Touristikzentrums mitzuwirken, ist einfach zu lang und zu komplex, die will ich Ihnen ersparen.“

Für Paul Kamsler begann eine schwere Zeit, man hielt ihn zweifelsfrei für einen Verrückten. Der Verrückte ließ nicht locker, Cairns wurde für viele Australienreisende zum Wunschziel. ,

Angela erwähnte noch kurz, dass Kamsler in der Hotelküche vom Chefkoch bis zum Kochlehrling, 25 Fachkräfte aus Tirol angestellt hatte. Sein Leitspruch: Die Österreicher haben  keine Ahnung, welche Wertschätzung sie fast überall in der Welt genießen.  Stolz  war  er auch über die österreichischen Kartographen, die die ersten australischen Landkarten gezeichnet haben, und darauf, wie viele Expeditionen zur Erforschung dieses Kontinents von Österreich aus gestartet wurden. Paul Kamsler, ein Mensch, den einmalige Erinnerungen mit seinem  Heimatland verbanden, obwohl er bereits als Kind auswandern musste, und dieses Land noch immer heiß liebte. Er brachte es fertig, zwischen dem Land der Krokodile, der Sümpfe und Regenwälder eine Symbiose mit klassischer Wiener Musik herzustellen. So oft  Judith im Pacific-Hotel den  Liftknopf betätigte, ertönten Melodien von  Strauß und Lehar.  Paul Kamsler, dem als Kind die heimatliche Nabelschnur auf grausame Weise durchtrennt worden war, brauchte das, diese Musik war sein Lebenselixier.

„Nicht, dass Sie glauben, er hätte mit dem Aufschwung des Tourismus der Landschaft geschadet. Es wurden in Zusammenarbeit mit den Behörden strenge Bauvorschriften erlassen. Badestrände wurden nicht verbaut. Kein Haus in der Nähe des Meeresstrandes durfte die vorhandene Baumhöhe überragen. Damit wurde Umweltsünden ein Riegel vorgeschoben.“ Es fiel Angela sichtlich schwer, wie angekündigt, nicht ins Detail zu gehen.      Hööö

„In Europa ist leider alles anders. Mehrstöckige Appartementhäuser, die von den Besitzern nur während ihres Sommerurlaubs benützt werden, stehen direkt bei den Seen.

Betonsilos! Gewinnmaximierung ist das Gebot der Stunde. Alles, was grün ist, wird grau..“ Judith brach abrupt ab, der Vergleich mit europäischen Gegebenheiten bedrückte sie.

„Eigentlich sollte es eine Überraschung sein, aber ich muss Sie fragen, haben Sie für morgen schon Programm gemacht?“ Judith hörte heraus, dass Angela mit dieser Frage etwas Bestimmtes bezweckte.

„Bei uns im Pacific gibt es einen Free Lancer, der im Auftrag Paul Kamslers eine Art Touristikunternehmen betreibt. Dazu gehört Public Relation, Medienkontakt und die persönliche Betreuung von special guests als Fremdenführer.“

„Was hat das mit mir zu tun?“ Judith war verwundert.

„Wenn Sie Lust haben, kutschiert Sie Michael morgen durch das Land und zeigt Ihnen so manches, was normale Touristen kaum zu Gesicht bekommen.“

„Bin ich keine normale Touristin, was bin ich dann?“

„Ein Gast aus Österreich,  ein Grund für  meinen Boss, Ihren Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen.“

Eine kurze Strecke des Weges zurück zum Hotel gingen Judith und Angela gemeinsam. Angela bog in eine schmale Straße ein, in der sie ihre Wohnung hatte. Judith war es recht so,  sie war furchtlos, ging allein weiter. Allein? Das war untertrieben. Noch immer wimmelte es auf der Esplanade von zahllosen Touristen, die jede Minute ihrer Reise nützten. Ein Bett zum Schlafen? Wozu? Da genügt ein Schlafsack, das „In einem Bett schlafen“-Programm“ gibt es erst daheim nach der Rückreise wieder. Dann ist sie vorbei,  die Freiheit unter nächtlichem Sternenhimmel.

Auf dem kümmerlichen  Geäst der Mangrovenbäume hingen traubenweise, riesig groß scheinende Nachtvögel. Oder waren es die Schatten der Nacht, die diesen Eindruck erweckten. Flatternder Flügelschlag wie das Surren von Propellern. Im Zusammenspiel mit dem ohrenbetäubenden Gekreische wirkte es wie die perfekte Inszenierung eines nächtlichen Infernos. Nicht für sanfte Gemüter gedacht. Die Szene hatte etwas Gespenstisches an sich, diese Schwärme von Vögeln  ließen den nächtlichen Himmel noch dunkler erscheinen, als er ohnehin war. Dazu die künstliche Straßenbeleuchtung, der ideale Kontrast für die Kulisse eines Filmschockers. Alles, was Judith in diesem Erdteil bisher gesehen und erlebt hatte, war mindestens eine oder mehrere Nummern größer als in Europa. Die gewaltigen Mottenschwärme in Canberra zum blanken Entsetzen der Frau des Österreichischen Botschafters, und hier die Nachtvögel, die sich im Fluge über den Köpfen der flanierenden Touristen wie kreisende Vampire ausnahmen, die ihre Opfer suchten. Judith hatte sich vorgenommen, sich nicht zu fürchten, beschleunigte aber unbewusst doch ihre Schritte. Sollte Angela Recht behalten, müsste der morgige Tag für Abwechslung sorgen.

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