1.

von Juergen Lagger

mir ist

als lasse sich nicht alles ganz gewöhnlich an

(das ist nicht von mir)

als beginne eine träumerische Entfremdung, eine Entstellung der Welt ins Sonderbare um sich zu greifen, als ich einen Fuß auf den Bahnsteig setze

(ich bin angekommen)

als ich einen Fuß auf den Bahnsteig setze

brandet mir der Lärm entgegen, ungebremst

zuvor scheint es mir beinahe still gewesen

zuvor hat das Geräusch des verlangsamenden Zuges alles andere mit mechanischem Gleichmaß überdeckt

zuvor wäre ich beinahe die steilen Stufen des Wagons hinunter gestürzt, als ich mich

(mit steif verschwitztem, den Nacken wundscheuerndem Kragen, um die Schulter nach hinten gehängter Tasche, auf der Flucht vor den nachdrängenden Reisenden

[der Rücken, das Hemd klamm und feucht] den kleinen Reisekoffer in der Hand und einer Zeitung unter den Arm geklemmt

[die billige Druckerschwärze später als grauschwarze, hässliche Schlieren in den nassen Achseln])

als ich mich durch die für das Gepäck viel zu schmale Ausstiegstür des Zuges zwängen will

(die Tasche in meinem Rücken sich dabei im Türrahmen verklemmt, mein Fortkommen auf der mittleren der drei nach unten führenden Stufen abrupt stoppt

ich strauchle, als sie auf einmal wieder freikommt

[ob durch mein Ziehen oder das Drücken der Nachkommenden oder beides]

und mich mit ihrem plötzlich beschleunigten Gewicht unsanft aus dem Wagen schleudert: von außen betrachtet, werde ich später denken

das muss von außen betrachtet ausgesehen haben, als würde ich von jemand Unsichtbarem grob an die Luft gesetzt)

erst mit diesem ersten, hastig und ungelenk gesetzten Schritt, der mich schmerzhaft im Knöchel umknicken lässt, ist der Kontakt zwischen mir und dem mich umgebenden Teil der Stadt

(in dessen kühlen Beton der Zug, bevor er überhitzt und ermüdet zum Stehen kommt, bevor sein Gewicht ihn wieder einholt, mit unbändiger Wucht eine schmale Schneise getrieben hat

[sie hält ihn nun umklammert])

endgültig hergestellt

ich bin angekommen

so bin ich der Wahrnehmung und Aufnahme überhaupt erst fähig

von außen betrachtet

(das schwere Maschinengekreisch, das Fauchen der pneumatisch öffnenden und schließenden Wagontüren, das Rattern und Hupen der dahinpolternden Gepäckwagen mit den hüpfenden Koffern und Taschen darauf

[wie viele mögen da verloren gehen?])

mir ist

als wäre durch den harten Knall beim Auftreffen meines Lederhalbschuhs auf dem asphaltierten Bahnsteig

von außen betrachtet muss das ausgesehen haben, als würde ich aus einem Geisterzug verächtlich ausgespuckt

ein für mich nicht wahrnehmbarer, unsichtbarer Damm gebrochen, eine dicke, raumhohe Scheibe geborsten und

als beginne eine träumerische Entfremdung

als füllte sich nun die sich in ihrer Höhe jeden menschlichen Maßstabs entschlagende Halle von einem Moment auf den anderen mit bis dahin aufgestauter  Flüssigkeit, schlägt mir der Druck des heranbrausenden Getöses trocken und hart an die Brust, mit tonlosem Pfeifen entfährt mir ein Rest klimatisiert gewesener Atemluft

ich bin angekommen

Kommentare sind geschlossen.

Trackbacks und Pingbacks

Design & Programmierung Almstudio.at