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Vom Aussetzen der Witterung

von Engelbert Obernosterer

(Aus: Der senkrechte Kilometer)

 

Wenn nach eingebrachter Ernte das Schönwetter über den Windungen der Äcker  steht, Tag für Tag unverändert schön stehen bleibt, herbstlich und als ob keine Zeit verginge, stehen bleibt ohne ersichtlichen Sinn für Gras und Weidetiere, gruppieren sich die Bewohner der am Berghang liegenden Gehöfte um den Wassertrog und versuchen, einmal auf diesen deutend, dann wieder gegen Himmel blickend, sich darüber klar zu werden, ob dieses nun schon seit Wochen unveränderte Wetter noch als schön oder schon als verheerend zu bezeichnen sei. Denn schon seit längerer Zeit hört man Klagen über den sich abzeichnenden Wassermangel, und auch den Siedlern im Tal kann Trinkwassermangel bevorstehen, von der Versteppung der Weiden und Felder ganz zu schweigen, wenn nicht bald der Schönwetterhimmel sich anfüllt mit Gewölk. In der Furcht vor Wassernot stehen die Nachbarn bei einander; vergebens schauen die Wetterkenner nach Regen verheißenden Anzeichen aus. Auch die Graswurzeln, wird ihnen bewusst, dorren ab. Die sonnseitigen Hänge leuchten bereits braunrot. Ja, dieses Schönwetter ist zu einem grässlichen geworden. Es dauert schon derart lange an, dass man es kaum noch wahrnimmt, wahrnimmt nur noch als täglich sich steigernde Angst vor den Folgen der Dürre.

Mit Regenschirmen, Stiefeln und Gummimänteln gegen den Regen sich schützend, treffen die Männer sich am Brunnen wieder. Braune Brühe gurgelt aus dem Brunnenrohr. Die Wetterfesten lachen einander zu und verwenden Wörter wie endlich und gottseidank, um alsbald auf das Sauwetter zu schimpfen zu kommen, denn bis zu den Knien herauf ist der Loden mit  Schlamm bespritzt.

Die Bauern wissen am Regen vorerst nichts auszusetzen, es sei denn, dass das Schlechtwetter anhält und dadurch in die Nähe der gefürchteten Herbstgüsse gelangt, die das Erdreich aufweichen, so dass es als Mure zu Tale rutscht und dabei Wege und Bäche verschüttet. Noch steht der Regen dem Fruchtbringenden gleich nahe wie der möglichen Katastrophe. Ob das an- und abschwellende Triefen aus dem grau verhangenen Himmel segensreich oder verheerend genannt werden muss, liegt nicht in den derzeit fallenden Tropfen begründet, sondern in den nächsten hinter den Bergen herauf ziehenden Wolkenfrachten.

Und die Sonne, wenn sie  ungeachtet des Geredes von Fluten, Erdrutsch und Strafe Gottes nach Tagen  zwischen den Wolkenwülsten auftauchen sollte, was ist sie eigentlich: eine Finte, um die ohnehin Eingeschüchterten noch weiter in  Täuschungen zu verstricken? Muss man ihren Schein als bloße Scheinbarkeit ansehen und sich hüten, sich ihrer Wärme hinzugeben, oder bedeutet ihr Durchdringen doch den Sieg des Lichtes über die Mächte der Finsternis? Hinter den Wolkenbänken harrt sie der nächsten Tage, um von ihnen zu erfahren, ob sie ein echter Grund zur Freude ist oder nur die Unerfahrenen zu falschen Hoffnungen verleitet mit ihrem Schein, den sie hingaukelt über das Sein der vorhandenen Begriffe.

Die ältesten der Eingesessenen, kaum unterscheidbar ob Greise oder Greisinnen, wissen zu erzählen, dass es nicht selten in ihrem wechselreichen Dasein Strecken ohne jede Art von Witterung gegeben habe. Am ehesten lasse sich der Zustand beschreiben als unscheinbar, unentschieden oder  eine merkwürdige Art von Grau. Die auf das Wetter angewiesenen Bauern hätten sogleich den Pfarrer zu einer Bittprozession gedrängt…

Den Berichten der Dorfältesten lauschend, erkennt man, dass, sobald der Herbst an Leuchtkraft verliert, bis zum Fallen des ersten Schnees keinerlei Witterung über den abgeernteten Kartoffelfeldern anzutreffen ist. Man nennt es behelfsweise Übergangswetter, was da bläulich bis milchig jenseits des Baches aufscheint und durch keinerlei Bewegung und Entwicklung den Wetterkundigen Anhaltspunkte liefert. Selbst ein Unwetter lässt sich leichter ertragen als diese Teilnahmslosigkeit gegenüber den klaren Vorstellungen, denn gegen Unwetter hat man sich zu schützen gelernt, nicht aber gegen derlei Ausfälle. Hinzu kommt, dass sich über Wetterlosigkeit so schwer reden lässt. Die Wolken sind in solchen Fällen nämlich nicht mehr Wolken, nicht genau grau und nicht eindeutig Massen. So wettert man denn mit bloßen Worten im luftleeren Raum.

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