Kärntner Schriftsteller… > Leseprobe > ICH BIN DER GAST DEINES…

ICH BIN DER GAST DEINES HERVORGESTOSSENEN FLUCHES, MIRNA JUKIC

von Josef Winkler

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, der dich vor einer einsamen aus weißer Kreide gebauten Kirche schützt, wenn du nicht im Blickwinkel abertausender Zähne auf dem verlorenen Sockel stehst.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn du nicht mit offenen Händen im Grunde des Wassers in dein auf beschneiten Treppen liegendes verlorenes Spiegelbild schaust.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn dir die Straßenjungen im Herzen des August mit krähenden Mohnblumen nachlaufen.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn die vermaledeite Seeschlange auf zwei Krücken unter Wasser mit diamantenen Eingeweiden auf den wiedergewonnenen Sockel steigt.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn sich, von der Tiefe des Beckens aus gesehen, die Wolken erst dann den Bauch aufschlitzen, wenn die Uhr hinterher abgelaufen ist.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn die Hagebutten nicht als immergrüne Läuse über das vierblättrige Glücksklee laufen.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn das Morgenrot nicht auf der Iris des schiffbrüchigen Gottes am Rande seiner Blindheit untergeht.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn deine immernassen Lippen nicht einmal zur Abwechslung sich von einem trockenen Rosenblatt zermürben lassen.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn du, blattloses Wasserzeichen, aufwachst und dein Augenlid den malvenfarbenen Polster als beneidenswerten Blitz berührst.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn die Marzipankerze auf der Geburtstagstorte dein Licht als näher kommenden Zug entlarvt.

DU fehlst mir, sagt  die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn deine mit Blattgold geschmückten Brüste vom Sperber mit dem Marmorkuchen der Träume nichts wissen wollen.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn deine hohlen Achseln die Olympiakamera zu einer mit offenen Karten spielenden Heuschrecke verdonnert.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn die ausgestorbene Gischt der Nacht die Daunendecke der Paradiesvögel zerfleddert.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines Schwimmanzuges, wenn die Ruine das Rendevous über den Abzughahn durch das Richtkorn flüstert und dich einlädt, endlich zu kommen.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn sich die Boxhandschuhe den Löwenanteil deines schlafenden Schwimmwassers über die Kapuze ziehen.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn das mit Ochsenblut bestrichene Zündholz eine Alptraumnacht dem silbernen und knisternden Schokoladepapier überlässt.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn der Himmel in den rußigen Schornstein abtaucht und als in schwarzer Tinte eingetauchter Pinsel wiederkommt ohne ein Wort zu dir zu sagen, Mirna Jukic.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn links und rechts von deinen Augenwinkeln die kleinen Hechte scharenweise aus dem Ei schlüpfen und sich der Klang einer Gitarre mutlos im Wasser verbeißt.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn Morgen ein ausgetrockneter Brunnen zugegen sein wird, der ohne sich umzusehen eine scheintote Fahrradspeiche nach London entlässt auf dem Seeweg.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines  schwarzen Schwimmanzuges, wenn der einen Granatapfel durchquerende Bleistift vor dem Angesicht des Regenbogens mit dem Reißverschluß erstarrt.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn das mit Butterschmalz beschmierte Segeltuch von einem Schuhlöffel zu Grabe getragen wird.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn das tobende Ei von einem Blick erschreckt wird, der ohne Wenn und Aber einen Engel hinterrücks über den Wasserfall  gestürzt hat.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn dein Schoß mit der Stirn deiner Wunde an ein in Glas eingeschlossenes Seepferdchen stößt, das jesusgleich seinen Brustkorb auseinanderreißt und mit leichter Zunge sein Herz aller Welt auf dem gediegenen Sockel  präsentiert.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn dein offener Brief als Kreidekreis hinter der Stirnseite der Butterblume immer auf das letzte Wort pocht.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn die Unterwasserwölfe die Pfirsiche entkernen und sich einnisten ins Fruchtfleisch, ohne vorher ihre Zungen über deinen Bauch gleiten zu lassen, Mirna Jukic.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn der Sargnagel als vorzügliches Aspirin verkleidet einem Kind unter einem Olivenbaum die Augen aussticht, ohne vorher das greise Tapetenpapier im Inneren eines Tabernakels verschwenderisch in Frage zu stellen.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn der japanische Surrealist den hauchdünnen Seidenstrumpf deines Wasserspiegels aus der Ohnmacht erlöst.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn der unbefleckte Grashalm mit dem Schrei eines offenen Grabes stotternd über deine Kehle streicht.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn dein Augenzwinkern mit aufgestützten Ellenbogen die neugierige Sehkraft verliert vor dem Angesicht eines ungepflügten Feldes aber wirklich nimmer wiederkehrender Veilchen.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen  Schwimmanzuges, wenn auf der glatten Haut deines Bauches die Tropfsteinhöhe die Flinte über die Schulter wirft außer Sichtweite der vom Morgenrot längst schon entzückten blühenden Brombeerstaude.

DU fehlst mir, sagt die Gummihaut deines schwarzen Schwimmanzuges, wenn der blindgewordene Kleinwüchsige das Riesenrad dicht unter dem Regenbogen besteigt mit zwei unter seinen Achseln hervorschauenden endlich das Spiegelbild Gottes der Schwimmer preisgebenden Hyänen.

Kommentare sind geschlossen.

Trackbacks und Pingbacks

Design & Programmierung Almstudio.at