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Commissario Brancino fällt in Ungnade (Auszug)

von Gerard Kanduth

Er fuhr Richtung Punta Sabbioni und schaltete Blaulicht und Signalhorn ein. Das vermittelte ihm ein Gefühl von Wert und Bedeutung, er zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich weit zurück. Campingschilder blitzten auf und verschwanden, Obststände, wogende Brüste, eine kleine Elefantenkarawane und ein Schimmelreiter, der Zirkus hatte Ausgang.

Brancino hielt punktgenau an und schaute der Nave nach Venedig nach, drei Mal na, Herr Lektor, Na na, na und.

„Concordia“ hieß das Schiff, so ein Zufall, gleich wie seine erste Frau und seine zweite Katze, jetzt hatte er nur mehr eine Frau, die zweite, und keine Katze mehr. Daisy war nicht nach Eintracht zumute gewesen, sie hatte Concordia kategorisch abgelehnt, schon als Welpe, aber ihre Zähnchen waren noch zu klein, damals, monatelang durfte Concordia ungestraft statt und neben ihr aus ihrem Napf schlürfen, durfte sie verdrängen, anfauchen und kratzen, aber als sich die Pudeldame ihres alter ego, ihrer Rottweilernatur besann, war es um die trügerische Eintracht geschehen, und um Concordia, Zwietracht war angesagt, es wurde ein blutiges Gemetzel, Meuchelmord im Hause Brancino, er hatte gerade Dienst und Elvira war in der Oper, viel zu lange für die arme Concordia, während sich der durchdolchte Bariton endlich zum Sterben entschloss, wenn auch singend, verröchelte Brancino’s zweite und letzte Katze in ihrem eigenen Blut.

Brancino setzte sich auf den Eisenpfeiler neben der Absperrung und fühlte sich erleichtert, der Einschub mit der Katze gefiel ihm, obwohl im Grunde nichts Wahres daran war, er hatte weder eine erste Frau noch eine zweite Katze mit Namen Concordia gehabt, er kannte nicht einmal eine Frau oder eine Katze, die so hieß, aber es hatte alles seine Berechtigung in einem Krimi – Blut und Oper und Hund und Katz – vielleicht eine erste Andeutung in Richtung Täter, ein versteckter Hinweis der Autorin, eine kleine Parallele, Analogie, symbolträchtig und genial zugleich, oh wie er seine Schöpferin zwischen Phasen tiefer Abneigung auch manchmal lieben konnte, vielleicht sogar begehren, aber er hätte sich nie getraut, ihr das zu zeigen. So wäre er ihr nie unter die Augen getreten, schamrot und stotternd. Eine gewisse Distanz musste einfach gewahrt werden zwischen Autor und Romanfigur, sonst würde es zu intim, amourös, unseriös, es könnte nach Protektion riechen und würde Neider wach rütteln, der Commissario schon wieder bevorzugt, gehätschelt und getätschelt, der verwöhnte Poppel würde doch nie einen Fall selbst lösen können, ohne seine große Gönnerin, die grande dame.

Und als hätte er’s geahnt und verschrieen, so entsetzt zuckte er zusammen:

Eine grauhaarige Frau blickte vom Oberdeck der noch eine zweite Abschiedsschleife ziehenden Concordia herab, vorwurfsvoll, streng und bestimmt, sie wies mit dem Zeigefinger in seine Richtung und deutete ihm, er müsse umkehren. Sofort!

Der ertappte Comissario Brancino nickte seufzend und seufzte nickend und stieg immer noch nickend und seufzend wieder ein…

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