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Aus dem Roman “Der letzte Badegast” (Wieser Verlag 2010)

von Hugo Ramnek

Deine Mutter war vier und ihr Bruder zwei. Sie saßen auf einem Brett in der Waschküche, das an der Wand befestigt war. Sie saßen nebeneinander und hatten Streit. Ihre Mutter, deine Großmutter, hatte die beiden da hinaufgesetzt, damit sie ihr nicht im Weg standen, während sie die Wäsche wusch. Damals gab’s noch keine Waschmaschinen, mein Sohn, sondern große Holzbottiche, die mit heißem Wasser gefüllt wurden. Und in einen dieser Bottiche rutschte der kleine Bruder, vom Brett herunter.

Es war Winter. Sie lebten auf einem abgelegenen Hof. Es gab kein Telephon, keinen Arzt in der Nähe. Deine Großmutter hatte den Kleinen sofort aus der heißen Lauge gezogen und schrie so laut, dass alle im Haus zusammenliefen. Sie holten ihren Mann aus der Holzhütte, den Einzigen am Hof, der den Schrei nicht gehört hatte. Sie wickelten den Kleinen in Tücher und legten ihn auf einen Schlitten. Dein Großvater zog ihn zur nächsten Bahnstation, das brauchte Stunden, wartete eine weitere Stunde auf den Zug, fuhr mit dem wimmernden Bündel in die Bezirkshauptstadt und kam endlich im Krankenhaus an. Der Junge lebte, er wimmerte – aber die Nacht überlebte er nicht mehr.

Dein Großvater war ein strenger Mann, der selten Gefühle zeigte, aber als er mir erzählte, wie er das Bündel der Krankenschwester übergab und wie er auf einer Holzbank im Warteraum dahindämmerte und wie dann eine geistliche Schwester zu ihm kam in den Morgenstunden und ihm die Nachricht überbrachte: Er ist bei Gott. Bestimmt ist er ein Engerl, da schluchzte er auf und es schüttelte ihn am ganzen Körper, er, der noch als alter Mann die stramme Haltung eines Soldaten annahm. Ich habe dir ja das Photo gezeigt, wo er bei der Fronleichnamsprozession einen Zug von Kriegsveteranen aus dem Ersten Weltkrieg anführt.

Seine Frau wurde vorgeladen vor Gericht und wegen Vernachlässigung der elterlichen Pflichten verurteilt zu zwei Monaten Gefängnis.

Als sie zurückkam, rauchte sie. Sie aß nichts, sie sprach nichts, sie arbeitete nichts, sie saß bloß da und rauchte. Und als ihr Mann ihr die Zigaretten wegnahm, rauchte sie Stroh.

An Mutters fünftem Geburtstag brachte der Vater seiner Tochter eine Geburtstagstorte aus dem nächsten Ort mit. Eine Torte aus der Konditorei, das gab’s eigentlich nur bei bürgerlichen Familien, die Bauernfamilien mussten aufs Geld schauen. Aber da seine Frau die Arbeit im Haushalt eingestellt hatte, hatte er sich für seine Tochter diese Extravaganz geleistet. Er klopfte an die Tür, öffnete sie langsam und schob eine Hand herein, auf der eine Buttercremetorte mit fünf Kerzen lag. Wie müssen die Augen deiner Mutter geleuchtet haben! Doch in dem Augenblick schrie ihre Mutter auf, schoss aus der hinteren Ecke des Zimmers hervor, wo sie im Dunkeln gesessen hatte, wie meist seit dem Tod ihres Sohnes, und schlug ihrem Mann die Torte aus der Hand, vielmehr schob sie sie ihm vom Handteller, so dass sie in einem Stück auf den Boden platschte. Wie ein Kuhfladen, hat dein Großvater gesagt. Mit nur mehr vier Kerzen drin, eine hatte sich im Flug selbständig gemacht, zwei brannten sogar noch nach der Landung. Und seine Frau fauchte ihn an: Sie verdient keine Geburtstagstorte. Sie hat ihren Bruder ins Wasser geschubst. Mit Absicht!

Deine Mutter erstarrte, blickte auf den Boden, blickte auf die Torte, blickte auf die zwei Kerzen, deren Flammen noch flackerten, ehe der Luftzug der zugestoßenen Türe sie auslöschte, als ihr Vater ins Zimmer stürzte. Da erst erwachte sie, da erst begriff sie, was geschehen war, da erst öffnete sie die Türe, rannte los und lief hinaus in den winterlichen Wald, stapfte durch den Schnee, bis sie nicht mehr konnte, ließ sich fallen und blieb liegen. Der Vater fand seine Tochter, sie wäre sonst erfroren, er brauchte nur ihren Spuren zu folgen in dieser hellen Winternacht. Wieder trug er ein Kind in seinen Armen, und diesmal konnte er es retten. Er trug seine Tochter, die wiedergefundene, durch die Nacht. Er hielt sie fest und sicher und gab ihr warm. Das war der schrecklichste und der schönste Tag meines Lebens, das habe deine Mutter zu ihrem Vater einmal gesagt. Und ihm sei es da fast ähnlich ergangen, wäre da nicht seine Frau gewesen, die ihn zuhause, in Trübsinn versunken, erwartete. Erwartete ist gut. Nicht einmal den Tortenfladen hat sie weggeputzt, sagte dein Großvater.

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